Nur in der Stille das Wort,
nur in der Dunkelheit das Licht,
nur im Sterben das Leben.
(Ursula K. Le Guin, ‚Erdsee‘)

KerzenlichtJetzt wird’s wieder furchtbar romantisch in den guten Stuben und Innenstädten: wo man hinschaut, Kerzen, prasselnde Kaminöfen, Lichterglanz. „Feuer“ in all seinen Formen (zur Not sogar als LED) gerät zur schier unwiderstehlichen Attraktion. Weswegen? Was fasziniert uns so sehr daran, und warum bleibt die zugrundeliegende Sehnsucht trotzdem meist ungestillt?

Für den Menschen bedeutete Feuer ursprünglich oft den Unterschied zwischen Leben und Tod. Wo Feuer war, konnte man sich verlorene Körperwärme zurückholen, unmittelbar und über die am Feuer verzehrte, von den Flammen vorverdaute Nahrung. Feuer hält wilde Tiere fern. Feuer bannt die Dunkelheit, vertreibt die Angst und markiert einen Ort der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft.

Viele Dinge, die wir heute für „romantisch“ halten, signalisierten einst Schutz oder Rettung vor einer bedrohlichen oder zumindest äußerst unbequemen Lage. Das ist es, woran sich unsere Seele erinnert fühlt. Doch der wahre Wert dessen, was diese Dinge für uns tun, offenbart sich nur im Kontrast. Allein um des Erlebens willen herbeigeführt, bleibt das Erlebnis oberflächlich und schal.

Das heute übliche Ausklinken aus den Rhythmen und Zyklen der Natur beraubt uns jener tiefen, aus dem Kontrast geborenen Zufriedenheit, nach der wir uns eigentlich sehnen, während wir in Glühweinbuden herumstehen und über Weihnachtsmärkte latschen. Anstatt uns der Dunkelzeit samt Wind, Wetter und Todesgegenwart zu stellen, flüchten wir bevorzugt gen Süden oder machen zumindest hierzulande mit reichlich Gedöns die metaphorische Nacht zum Tag.

Doch nur aus der Vorherrschaft von Finsternis und Kälte heraus wird eine flackernde Kerze, ein glühender Scheit oder eine heiße Tasse Tee zu etwas Magischem. Deswegen brennt bei mir zuhause derzeit kein Licht zuviel – ich möchte den Geist der Zeit willkommen heißen, anstatt ihn auszutreiben und ihm dann vergeblich nachzusetzen auf der Jagd nach spätherbstlicher oder vorweihnachtlicher Romantik.

Manchmal übermannen mich dabei die typischen Novembergedanken, und ich tauche ein in die gehabten und zukünftigen Schrecken des Daseins und meiner eigenen Sterblichkeit. Ich wandere durch die kahlen, fahlgelben Mainauen und fühle, was gefühlt werden soll in dieser Zeit. Ich nehme Abschied. Ich bemühe mich, das Unabänderliche zu akzeptieren. Ich spüre die Kälte in meinen Gliedern wie einen düsteren Vorboten.

Und dann gehe ich nach Hause, entzünde ein rettendes Feuer und weiß, dass ich am Leben bin.